OLG Bamberg zur Fahreridentifizierung bei qualitativ schlechtem Messfoto

von | 2018-08-19T14:44:53+00:00 21. August 2018|Straf- und OWi-Recht|0 Kommentare

Das OLG Bamberg weist darauf hin, dass ein Freispruch eines Betroffenen nach einem Geschwindigkeitsverstoß nicht ohne Würdigung aller Umstände darauf gestüzt werden kann, dass er nicht der Fahrer gewesen bzw. als solcher aus dem Messfoto nicht zu erkennen sei. Ein Indiz für die Fahrereigenschaft sei etwa die Eigentümer-, Besitzer- oder Halterstellung des Betroffenen. Hinsichtlich des Messfotos sei weiter zu beachten, dass technische Einflüsse wie die Brennweite der Kamera, der Abstand zum Abgebildeten, Linse und Beleuchtung etc. zu scheinbaren Unähnlichkeiten führen könnten, ebenso unterschiedliche Weichteildicken, welche durch Ernährung oder Krankheiten kurzfristig beeinflusst werden könnten. Auch geringfügige Änderungen der Mimik könnten einzelne Gesichtspartien unähnlich erscheinen lassen. Ob der Betroffene Brillenträger ist, sei kein Indiz, da dies jederzeit veränderbar sei. Auf Grund der naheliegenden fehlenden Sachkunde des Erstrichters auf dem Gebiet der Anthropologie komme die Einholung eines Sachverständigengutachtens in Betracht.

OLG Bamberg, Beschluss vom 10.07.2018 – 3 Ss OWi 870/18

I. Auf die Rechtsbeschwerde der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Amtsgerichts vom 09.02.2018 aufgehoben.

II. Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung – auch über die Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens – an eine andere Abteilung des Amtsgerichts zurückverwiesen.

Gründe

I.

Das Amtsgericht hat den Betroffenen vom Vorwurf der Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit außerhalb geschlossener Ortschaften um 54 km/h, begangen als Führer eines Kfz am 14.07.2017 um 07.46 Uhr, mit Urteil vom 09.02.2018 freigesprochen, weil es aufgrund eines Vergleichs des Messbilder mit dem Betroffenen zu der Überzeugung gelangte, dass dieser nicht der Fahrer des Fahrzeugs war. Gegen diese Entscheidung wendet sich die Staatsanwaltschaft mit der Rechtsbeschwerde, die sie mit der Verletzung formellen und materiellen Rechts begründet.

II.

Die statthafte (§ 79 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 OWiG) und auch sonst zulässige Rechtsbeschwerde der Staatsanwaltschaft hat mit der Sachrüge – zumindest vorläufigen – Erfolg, so dass es eines Eingehens auf die Verfahrensrüge nicht mehr bedarf. Die angefochtene Entscheidung unterliegt der Aufhebung, weil die Darstellung der Gründe schon nicht den Anforderungen an ein freisprechendes Urteil (§ 267 Abs. 5 Satz 1 StPO i.V.m. § 71 Abs. 1 OWiG) genügt und im Übrigen die Beweiswürdigung grundlegende Rechtsfehler aufweist.

1. Kann sich ein Gericht nicht von der Täterschaft eines Betroffenen überzeugen, ist zunächst der ihm zur Last gelegte Vorwurf aufzuzeigen. Sodann muss in einer geschlossenen Darstellung dargelegt werden, welchen Sachverhalt das Gericht als festgestellt erachtet. Erst auf dieser Grundlage ist zu erörtern, aus welchen Gründen die für einen Schuldspruch erforderlichen zusätzlichen Feststellungen nicht getroffen werden können. Dies hat so vollständig und genau zu geschehen, dass das Rechtsbeschwerdegericht in der Lage ist nachzuprüfen, ob der Freispruch auf rechtlich bedenkenfreien Erwägungen beruht (st.Rspr., vgl. nur BGH, Urt. v. 24.05.2017 – 2 StR 219/16; 16.06.2016 – 1 StR 50/16 [jeweils bei juris]; 18.05.2016 – 2 StR 7/16 = wistra 2016, 401 und vom 05.02.2013 – 1 StR 405/12 = NJW 2013, 1106 = NStZ 2013, 334; OLG Bamberg, Beschl. v. 13.02.2017 – 3 Ss OWi 68/17 = Blutalkohol 54, 208; Urt. v. 12.11.2014 – 3 OLG 8 Ss 136/14 = OLGSt StPO § 267 Nr 27 – jeweils m.w.N.). Lassen sich ausnahmsweise überhaupt keine Feststellungen treffen, was im vorliegenden Verfahren aber von vornherein fern liegt, so ist auch dies in den Urteilsgründen unter Angabe der relevanten Beweismittel darzulegen (vgl.BGH, Urt. v. 10.07.1980 – 4 StR 303/80 = NJW 1980, 2423 = MDR 1980, 949; OLG Bamberg, Beschl. vom 28.09.2017 – 3 Ss OWi 1330/17 [bei juris]).

2. Diesen Anforderungen wird das angefochtene Urteil nicht gerecht. Denn es wird nicht mitgeteilt, welche Feststellungen getroffen werden konnten. Vielmehr beschränkt sich das Tatgericht auf die bloße Schilderung eines Geschwindigkeitsverstoßes und den Hinweis, es könne nicht festgestellt werden, wer der Fahrer gewesen sei, der Betroffene sei es jedenfalls nicht gewesen. In diesem Zusammenhang fehlt bereits die Mitteilung, ob und ggf. wie der Betroffene sich zu dem Tatvorwurf eingelassen hat. Ferner wären vor allem Feststellungen dazu erforderlich gewesen, ob der Betroffene ggf. Eigentümer, Besitzer oder Halter des Fahrzeugs war, mit dem der Geschwindigkeitsverstoß begangen wurde. Denn gerade diesen Umständen käme im Rahmen der gebotenen, vom Amtsgericht allerdings unterlassenen Gesamtwürdigung der Umstände des Einzelfalls durchaus ein beachtlicher Indizwert insbesondere unter Berücksichtigung einer etwaigen Einlassung und deren Plausibilität zu (OLG Bamberg a.a.O.). Aufgrund dieses Darstellungsmangels kann der Senat schon im Ansatz nicht prüfen, ob nicht auch Indizien vorhanden sind, die bei der erforderlichen Gesamtschau für eine Täterschaft des Betroffenen gesprochen hätten. Das Amtsgericht blendet diese Gesichtspunkte aber von vornherein völlig aus und verstellt sich so den Blick auf eine sorgfältige, dem Tatrichter obliegende Beweiswürdigung, bei der im Rahmen einer Gesamtschau alle für und gegen die Täterschaft des Betroffenen sprechenden Umstände zu berücksichtigen wären.

3. Von dieser Gesamtwürdigung war das Amtsgericht auch nicht etwa deshalb enthoben, weil es zu der Überzeugung gelangt war, dass der Betroffene nicht der Fahrer gewesen sei, zumal die diesem Ergebnis zugrunde liegende Beweiswürdigung für sich genommen ebenfalls grundlegende Rechtsfehler aufweist. Das Amtsgericht hat seine Überzeugung auf einen Abgleich des Betroffenen mit den Messbildern, auf die es gemäß § 46 Abs. 1 OWiG i.V.m. § 267 Abs. 1 Satz 3 StPO in den Urteilsgründen verwiesen hat, gestützt. Sein Ergebnis, dass der Betroffene nicht der Fahrer gewesen sei, hat es aber allein damit begründet, dass auf den Messbildern zwar lediglich die Augenpartie und der Mund „uneingeschränkt“ und der „noch erahnbare“ Haaransatz „bedingt“ erkennbar gewesen seien; diese stimmten jedoch mit der Erscheinung des Betroffenen nicht überein. Hinzu komme, dass der Betroffene Brillenträger sei, während der Fahrer auf dem Messfoto keine Brille trage. Allein aufgrund dieser Feststellungen ist das Amtsgericht zu der Erkenntnis gelangt, dass der Betroffene als Fahrer „auszuschließen“ sei. Diese Begründung ist von vornherein nicht tragfähig, weil die Beweiswürdigung auch insoweit lückenbehaftet ist.

a) Das Amtsgericht zieht schon nicht in Erwägung, dass eine Aussage über die Identität des Betroffenen mit dem Fahrer bzw. deren positiver Ausschluss, zu dem das Amtsgericht gelangt ist, deswegen auf einer unsicheren Tatsachenbasis beruht, weil auf den Lichtbildern nach eigener Einschätzung des Amtsgerichts nur wenige Teile des Gesichtes erkennbar sind.

b) Ebenso ist es nicht haltbar, wenn das Amtsgericht lediglich auf wenige Merkmale (Augenpartie und Nase sowie den nach eigener Einschätzung lediglich „erahnbaren“ Haaransatz) abhebt. Die vom Amtsgericht gezogene Schlussfolgerung, auf Grund dieser Merkmale sei der Betroffene als Fahrer auszuschließen, stellt schon einen Verstoß gegen Denkgesetze dar, weil sich aus einem nur „erahnbaren“ Merkmal nach der Logik ein verlässlicher Schluss auf die Nichtidentität verbietet.

c) Ungeachtet dieser Unzulänglichkeiten ist die Beweiswürdigung aber auch deshalb lückenhaft, weil das Amtsgericht überhaupt nicht in seine Überlegungen einstellt, dass die vermeintlichen, aufgrund einer bloßen Inaugenscheinnahme konstatierten Abweichungen von Augenpartie und Nase für einen Laien ohne Sachkunde auf dem Gebiet der Anthropologie keine verlässliche Aussage zulassen. Bereits durch technische Einflüsse wie etwa die Brennweite der Kamera, den Abstand zwischen Kamera und Abgebildetem, die Linseneigenschaften, die Beleuchtung und dergleichen mehr kann es für den Betrachter ohne besondere Sachkunde zu scheinbaren Unähnlichkeiten kommen (vgl. hierzu eingehend Buck/Krumholz[Hrsg.]-Rösing Sachverständigenbeweis im Verkehrs- und Strafrecht 2. Aufl. S. 302 f.). Ferner können die Ernährung und die Lebensweise ebenso wie Krankheiten zu einer kurzfristigen Beeinflussung der Weichteildicken führen (vgl. Buck/Krumholz[Hrsg.]-Rösing S. 304). Aber auch den sich geradezu aufdrängenden Gesichtspunkt, dass schon durch geringfügige Veränderungen der Mimik sich vermeintliche Unähnlichkeiten einzelner Gesichtspartien ergeben können, hat das Amtsgericht nicht bedacht, sondern es ist vorschnell und ohne kritische Hinterfragung dieser Selbstverständlichkeiten zu der Überzeugung gelangt, dass der Betroffene nicht der Fahrer gewesen sei. Es hat damit eine Sachkunde für sich in Anspruch genommen, über die es erkennbar nicht verfügte.

d) Schließlich ist der Hinweis darauf, der Betroffene sei „Brillenträger“, während der Fahrer auf dem Messfoto keine Brille trage, von vornherein verfehlt. Entgegen der Auffassung des Amtsgerichts kommt dem kein Indizwert zu, weil es sich nicht um ein dauerhaftes Merkmal, sondern um einen äußeren Umstand handelt, der jederzeit veränderbar ist.

III.

Auf die Rechtsbeschwerde der Staatsanwaltschaft ist daher das angefochtene Urteil aufzuheben (§ 353 StPO i.V.m. § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG). Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens, an das Amtsgericht zurückverwiesen (§ 79 Abs. 6 OWiG). Der Senat hält es für sachgerecht, dass eine andere Abteilung mit diesem Verfahren befasst wird.

Für die neue Hauptverhandlung weist der Senat darauf hin, dass das Amtsgericht zur Frage der Identifizierung sachverständige Hilfe in Anspruch nehmen sollte und im Rahmen seiner Aufklärungspflicht (§ 71 Abs. 1 OWiG i.V.m. § 244 Abs. 2 StPO) zu ermitteln haben wird, ob der Betroffene zur Tatzeit ggf. Eigentümer, Halter oder Besitzer des Fahrzeugs war.

IV.

Der Senat entscheidet durch Beschluss gemäß § 79 Abs. 5 Satz 1 OWiG.

Gemäß § 80a Abs. 1 OWiG entscheidet der Einzelrichter.

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